Leseprobe



Ein zuverlässiger Junge
»Du schon wieder!«, sagt Noah, als er mich sieht. »Ja, ich schon wieder!«, fauche ich zurück. »Was ist denn mit dir los?« Mit einem Satz bin ich im Flur. »Du bist ein Lügner, Noah!« »Wann habe ich denn gelogen?«, entgegnet er ruhig. »Vielleicht hast du nicht gelogen, aber du hast dein Versprechen gebrochen! Und das ist mindestens genauso schlimm!« »Ich weiß nicht, was du meinst« Wie kann er nur so ruhig bleiben? Und so ein ahnungsloses Gesicht aufsetzen! Er ist wirklich ein guter Schauspieler, das muss ich ihm lassen. »Du bist doch sofort zu deinen Freunden gelaufen und hast ihnen gesagt, wer ich bin!« »Ich denke, du solltest dich erst einmal beruhigen«, meint Noah und sein Blick lässt keinen Zweifel daran, dass er mein Getue schrecklich kindisch findet. Dennoch fordert er mich auf, nach oben zu kommen. Ich folge ihm in seine Wohnung und setze mich wie schon heute Morgen auf die Couch. »Also, wie kommst du auf die abwegige Idee, dass ich mein Versprechen gebrochen habe?«, sagt Noah und ein sarkastischer Tonfall schwingt in seiner Stimme mit, der in mir große Zweifel weckt, ob er diese Worte ernst meint. »Als ich heute nach Hause gekommen bin, hat irgendjemand mein Zimmer durchwühlt! Und wer soll es gewesen sein, wenn nicht ihr?!« »Sind sie fündig geworden?«, fragt Noah ruhig. »Du weißt, um welche Gegenstände es geht, nicht wahr?« »Natürlich. Wir haben sofort gemerkt, dass etwas fehlt. Es war mir gleich klar, dass du die Sachen gestohlen hast, als du heute Morgen mit Alexander hierher kamst.« »Und das hast du dann auch gleich den anderen gesagt! Und Alex hat mir noch erzählt, dass du verlässlich wärst!« Ich schnaube aufgebracht. »Ach, das hat er gesagt?« Noah wirkt etwas überrascht. »Dann solltest du ihm besser glauben. Ich habe wirklich niemandem erzählt, wer du bist. Ich sagte, ich hätte einen anonymen Anruf erhalten, dass wir den Fichtenforst verlassen sollen. Mehr nicht. Ich wusste noch nicht einmal, dass sie Glansstein durchsuchen wollten! Das haben sie wohl hinter meinem Rücken entschieden.« Langsam beruhige ich mich etwas. Ist es möglich, dass er tatsächlich die Wahrheit sagt? Er müsste schon ein sehr guter Lügner sein, um das so überzeugend rüberzubringen! Andererseits: Woher sollten die Morwotyn sonst wissen, wo sie suchen müssen? »Ich glaube dir nicht«, stelle ich fest. »Ich weiß«, bemerkt er scheinbar ungerührt. Eine Weile lang sagt keiner von uns etwas und ich sehe ihn nur feindselig an. »Gibt es noch einen Grund, warum du hierher gekommen bist, außer mich zu beleidigen und mir die Schuld daran zu geben, dass dein Zimmer unaufgeräumt ist?« »Nein, eigentlich nicht«, erwidere ich. »Dann kannst du ja jetzt auch wieder gehen.« »Doch, es gibt noch etwas«, fällt mir da ein. »Wenn du nichts mit der Durchsuchung meines Zimmers zu tun hast, dann weißt du doch ganz sicher auch nichts von der Drohung, nicht wahr?« »Doch, davon weiß ich.«, erwidert Noah, »Schließlich war ich dabei, als sie geschrieben wurde. Ich gebe zu: Vielleicht hätte der Tonfall etwas freundlicher sein können, aber im Grunde trifft es die Sache auf den Punkt.« »Und du hast ihnen auch den Hinweis gegeben!«, sage ich ärgerlich. Er stellt sich schon wieder ahnungslos. »Welchen Hinweis?« »Die Schrift! Rot und schwarz! Auf dem weißen Papier! Das war doch sicherlich kein Zufall!« »Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst«, erwidert Noah. »Rot und Schwarz sind typische Nekromantenfarben. Und langsam habe ich auch keine Lust mehr, mir deine Vorwürfe anzuhören. Wenn du sonst nichts mehr zu sagen hast, dann kannst du jetzt gehen.« Ich funkele ihn wütend an, stehe auf und will gerade den Raum verlassen, als mir etwas auffällt. Ich laufe zum Fenster und sehe genauer hin. Dann ducke ich mich schnell. »Was ist denn los?«, fragt Noah genervt. »Sieh doch mal aus dem Fenster!« Ich kann es nicht verhindern, dass meine Stimme panisch klingt, während ich auf allen Vieren zurück zur Couch krabbele. Da draußen vor dem Haus stehen zwei Gestalten in blutroten Umhängen. Morwotyn! Sie warten auf mich, da bin ich sicher. Und sie dürfen mich auf keinen Fall entdecken! Auch Noah wirft nun einen Blick aus dem Fenster. Dann dreht er sich zu mir um. »Wie es scheint, warten sie auf dich.« »Woher wissen sie, dass ich hier bin? Moment mal ... Hast du ihnen etwa ...?« »Wie soll ich sie denn informiert haben? Wir waren die ganze Zeit im selben Raum!«, unterbricht mich Noah. Und da hat er sogar Recht. In dieser Hinsicht muss ich ihm wohl tatsächlich glauben. Aber das ist im Prinzip ja auch egal. »Was wollen sie von mir?« Ich flüstere, obwohl ich weiß, dass das Unsinn ist. Hier oben können sie mich ohnehin nicht hören. »Ich nehme mal an, dass sie aus dir herauskriegen wollen, wo du die gestohlenen Sachen versteckst.« »Wie kannst du nur so gelassen bleiben? Was mache ich denn jetzt?«, flüstere ich und versuche, die Panik niederzukämpfen, die in mir aufkommt. Es wäre am besten für dich, wenn du mir einfach erzählen würdest, wo die Sachen sind. Dann gehe ich zu ihnen runter und sage es ihnen und sie verschwinden wieder.« »Ich werde dir auf keinen Fall sagen, wo das schwarze Buch und die Rose sind!«, sage ich fest. »Glaub mir, wenn du es mir sagst, wäre es nur von Vorteil für dich. Ich denke nämlich nicht, dass die da unten genauso nett und geduldig mit dir wären.« Ich schüttele beharrlich den Kopf. Ich weiß auch nicht, warum mir das so wichtig ist, aber irgendetwas sagt mir, dass sie diese Dinge auf keinen Fall wieder in die Finger bekommen dürfen. Vor allem nicht den Rosenkamm. »Wenn du dich weigerst, dann werde ich dich jetzt rausschmeißen und dann können die da unten es aus dir herauspressen. Überleg es dir gut.« »Bitte, das kannst du doch nicht machen! Ich brauche deine Hilfe!« Jetzt bin ich endgültig panisch. Ich will auf keinen Fall da runter zu diesen unheimlichen Gestalten. Allein bei dem Gedanken überkommt mich die Angst. Aber genauso wenig will ich das Versteck der Dinge aus der Hütte verraten. »Ich will genau wie sie wissen, wo du die Sachen hast. Sie sind sehr wichtig für uns. Mit meiner Hilfe kannst du nicht rechnen.« »Und was willst du jetzt tun?«, entgegne ich und bemühe mich, unerschrocken zu klingen. »Jetzt werfe ich dich raus, ganz einfach! Also, du weißt, wo die Tür ist.« Ich stehe auf und mache mich langsam auf den Weg. Mir ist klar, dass es keinen Sinn hat, mich zu weigern. Noah ist stärker als ich, er könnte mich zur Not auch mit Gewalt rausschmeißen. Ich sehe ihn noch einmal wütend an, dann wird die Wohnungstür hinter mir zugeworfen. Ich laufe die Treppe hinunter und rüttele an der Tür zu Alexanders Wohnung. Sie ist verschlossen, aber etwas anderes habe ich auch nicht erwartet. Was mache ich denn jetzt? Ich kann doch nicht ewig hier im Flur bleiben! Ich habe keine Ahnung, wie lange die Morwotyn draußen warten werden, aber mein Gefühl sagt mir, dass sie ausdauernd sind. Gibt es nicht irgendwo einen Hinterausgang? Einen Keller, wo ich mich verstecken kann? Irgendetwas? Ich sehe mich hektisch um, doch da ist nichts. Nichts als die große Eingangstür, die scheinbar nur darauf wartet, dass ich sie öffne. Vielleicht sollte ich doch zu Noah gehen und ihm sagen, wo die Rose und das schwarze Buch versteckt sind. Das wäre immer noch besser, als die Morwotyn draußen! In diesem Moment höre ich, wie es an der Tür hämmert. Das sind sie, kein Zweifel! Schnell laufe ich die Treppe wieder hinauf. Ich drücke auf den Klingelknopf zu Noahs Wohnung. Als er nicht öffnet, rufe ich: »Ich werde es dir sagen! Mach auf!« Das Klopfen wird lauter. Ob sie so weit gehen und die Tür eintreten? »Bitte, Noah! Ich sage dir alles!« Hektisch hämmere ich mit meinem Finger auf den Klingelknopf, doch drinnen rührt sich nichts. Ich atme tief durch. Er will wohl, dass ich da raus gehe. Wenn ich es ihnen gleich sage, werden sie mir doch sicherlich nichts tun! Wieso will ich es eigent- lich unbedingt verschweigen? Was ist denn so wichtig an diesen Dingen! Langsam gehe ich wieder nach unten. Das Klopfen hat aufgehört. Aber die Stille ist fast noch schlimmer. Ich atme tief durch und öffne die Tür. Die beiden Gestalten stehen draußen. Sie haben die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. »Endlich. Du hast wohl begriffen, dass du dich nicht vor uns verstecken kannst!«, sagt eine der Gestalten. Es ist eindeutig die Stimme einer Frau. »Was wollt ihr?«, frage ich, obwohl ich das schließlich nur zu gut weiß. »Wo hast du unsere Sachen?«, fragt die Frau. Doch ich sage nichts. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Auf einmal werde ich von einer starken Hand gepackt. Der andere Morwotyn. Er hält mich im eisernen Griff, aus dem ich mich nicht befreien kann, und zischt mir ins Ohr: »Antworte, du kleine Diebin!« Ich überlege fieberhaft. Was soll ich nur sagen? Sie dürfen nicht erfahren, wo die Sachen sind, das weiß ich auf einmal mit Gewissheit! »Sie sind nicht in Glansstein«, bringe ich heraus. »Wo dann?«, fragt der Mann, der mich gepackt hält. Ohne richtig nachzudenken, sage ich: »In Alexanders Haus.« »In seinem Haus im Wald?«, fragt die Frau. Ich nicke, als mir bewusst wird, was ich da gesagt habe, schüttele ich schnell den Kopf. »Was soll das heißen?«, zischt die Frau. Ich kann doch nicht einfach Alex ans Messer liefern! »Sie sind nicht bei ihm. Das war gelogen!«, sage ich schnell. »Verkauf uns nicht für dumm! Sag uns endlich, wo die Sachen sind!« Mit Entsetzen beobachte ich, wie die Frau ein Messer aus den Tiefen ihres Umhangs hervorzieht. Ich wehre mich erneut heftig, komme jedoch nicht los. Die Frau setzt mir die Klinge an die Kehle. »Jetzt spuck es schon aus!«, zischt sie, offensichtlich aufgebracht. Doch ich bringe keinen Ton heraus. Ich wage es noch nicht einmal, zu schlucken. Die Frau drückt zu. Ich spüre, wie warmes Blut meinen Hals hinunter rinnt. »Ich sage es euch!«, bringe ich hervor. Abwartend sieht die Frau mich an. »So war das aber nicht abgemacht!«, ertönt plötzlich Noahs Stimme von der Haustür aus. Die Frau versperrt mir die Sicht auf ihn. Sie wirbelt herum. »Was ist los? Wo ist denn dein Problem?«, fragt sie. »Steck dein Messer wieder weg! Einschüchtern: ja. Gewalt anwenden: nein. So einfach ist das.« »Es scheint aber, dass man ihr nicht so schnell Angst einjagen kann! Sie rückt nicht mit der Sprache heraus. Ich brauche das Messer, um sie zum Reden zu bringen.« »Es gibt noch andere Wege, Amanda. Wie wäre es mit ein wenig EinfühlungsvermoÅNgen?« »Du kannst mir nichts verbieten!«, schreit Amanda aufgebracht. »Er hat gesagt, dass wir auch Gewalt anwenden dürfen, wenn es nicht anders geht!« Mit diesen Worten drückt sie mir erneut das Messer gegen den Hals. Ich spüre, wie der Schweiß über meine Stirn rinnt. Auf einmal taumelt Amanda zurück. Noah hat ihr einen Schlag in die Rippen versetzt. »Ich sagte doch, du sollst es lassen.« Der Mann, der mich gepackt hat, drückt meine Arme schmerzhaft zusammen. Ich muss stark an mich halten, um einen Schmerzensschrei zu unterdrücken. Ich versuche erneut, seinem Griff zu entkommen, obwohl ich eigentlich weiß, dass es sinnlos ist. »Lass sie los.« Noah versetzt dem Morwotyn einen gezielten Schlag und für einen Moment lockert sich sein Griff. Ich nutze die Gelegenheit und es gelingt mir, mich loszureißen. Doch schon steht Amanda vor mir, die Kapuze ist ihr heruntergerutscht, sodass ich ihr Gesicht erkennen kann. Sie ist jung und wahrscheinlich recht attraktiv, doch momentan ist ihr Gesicht vor Wut verzerrt. Sie hat das Messer nun so fest gepackt, dass ihre Knöchel weiß hervortreten. Doch Noah lässt sich nicht davon beeindrucken, sondern stößt sie aus dem Weg. Ich renne ihm hinterher, weg, einfach nur weg. Ich weiß nicht, ob die beiden Morwotyn uns folgen, ich wage es nicht, mich umzudrehen. Ich folge Noah durch den verwilderten Garten und hinaus auf die Landstraße. Sie führt uns in die Stadt, doch wir rennen weiter. Dann, auf einmal, stehen wir vor einer hohen Mauer. Eine Sackgasse. »Was jetzt?«, frage ich panisch. »Klettere rüber! Dahinter ist der Friedhof. Dort werden sie uns bestimmt nicht suchen.« Nur mit einiger Mühe gelingt es mir, die Friedhofsmauer zu erklimmen. Ich schwinge mich mit den Beinen darüber, dann lasse ich mich vorsichtig herunter, bis ich mich nur noch mit den Händen festhalte. Den letzten Meter lasse ich mich fallen. Ich lande mitten in einem Brennnesselgestrüpp. Schnell befreie ich mich daraus. »Ganz sicher, dass sie uns nicht folgen werden?«, frage ich außer Atem. »Nicht wirklich. Aber ich hoffe es.« »Warum hast du mir geholfen? Ich dachte, du wolltest, dass sie mich kriegen!« »Ich wollte, dass sie dir ein wenig Angst einjagen, damit du das Versteck ausspuckst«, korrigiert Noah mich. »Aber ich hätte nicht gedacht, dass sie so weit gehen würden.« »Dann glaubtest du auch, die Nachricht, die ich im Wald gefunden habe, sei eine leere Drohung gewesen?«, frage ich. Noah zuckt die Achseln. »Eigentlich schon. Ich hätte nicht geglaubt, dass sie es so ernst meinen. Wie geht es übrigens deinem Hals?« Das Blut, das aus dem Schnitt gelaufen ist, beginnt zu verkrusten und erst jetzt werde ich mir des brennenden Schmerzes richtig bewusst. »Es tut weh. Aber zum Glück ist der Schnitt nicht besonders tief.« Mittlerweile hat die Dämmerung eingesetzt. Bald wird es dunkel werden. Und ich laufe mit einem Morwotyn über den Friedhof! Auf einmal höre ich, ganz in der Nähe, ein Knacken. Ich erstarre...
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